Der Kanzel Overnighter – zurück zu den Anfängen

 

Kalksteinfelsen der Reinsberge und mittendrin die Kanzel

Die Reinsberge hinter Arnstadt waren oft Ziel meiner ersten Mountainbiketouren und sind in den letzten zwei Jahrzehnten für mich zum absoluten Klassiker geworden. Von Erfurt bis Arnstadt sind es gerade mal 20 Kilometer und danach geht es gleich rein in den Mittelgebirgszug. Die Singletrail lastigen Hanglagen machen einfach Spaß und wecken den Spieltrieb im Mountainbiker. Selbst mit dem Graveller kommt man dort in Maßen zurecht und Ausweichmöglichkeiten per Forstweg sind ausreichend vorhanden. Über die Jahre verschlägt es mich zu Tagestouren immer wieder in die Gegend mit einem der beiden Gefährte, aber zur Kanzel hoch dann doch besser mit dem Mountainbike.

Die Kanzel ist ein kleines Aussichtsplateau östlich der Reinsberge oberhalb vom kleinen Ort Plaue gelegen. Die mittelgebirgsartigen Höhenzüge erinnern partiell mit ihren freiliegenden Talhängen aus Muschelkalk ein wenig an das Elbsandsteingebirge.

Ende der Neunziger war ich hier einige male mit den Kumpels für eine Übernachtung. Bezeichnungen wie Overnighter gab es damals noch nicht. Stattdessen wurde bei einer MTB-Runde einfach mal quer gefragt:

Mal wieder mit den Rädern auf die Kanzel, ne Nacht draußen pennen? 

Tja und das waren wohl meine ersten Overnighter, auch wenn Rad und Ausrüstung ehr notdürftig aufeinander abgestimmt waren. Waren sie? Nöh, überhaupt nicht! Es wurde halt genommen, was vorhanden war und das war zu dieser Zeit in Bezug auf die Übernachtungsausrüstung in meinem Fall doch recht dürftig. Bikepacking Taschen gabs noch nicht und gedanklich auf Gepäckträger & Co für den Ausrüstungstransport festgefahren, bestanden kaum Alternativen. Also mußte das Allround-Reiserad herhalten. Die Isomatte in Größe eines Kanonenrohres wurde mit dem pottschwerem Lestra-Kufamonster auf den Gepäckträger geschnallt. Kocher waren noch nicht im Portfolio, dafür gabs nen gemütliches Feuerchen am Abend. Im Rucksack das Futter, ne Regenjacke und ein Flecce. Für den Genuß am Abend etwas Schoki und nen guten Spliff. Das wars auch schon. Zelte waren zwar in der Runde vorhanden, standen aber mit ihrer Größe und Gewicht in keinem Verhältnis für den Transport auf dem Rad und wurden für eine Übernachtung als unnötig abgewählt. Wird die eine Nacht schon nicht regnen; bei einsetzendem Regen sollte die betagte Hütte nahe der Kanzel als Not Unterschlupf dienen. Mußte sie auch einmal, was irgendwie funzte. So genau bekomme ich das auch nicht mehr zusammen, aber an unsere ziemlich dicken Augen am nächsten Morgen kann ich mich noch recht gut erinnern. 

Meist spontan vom Zaun gebrochen und ziemlich blauäugig hatten wir mit der spärlich vorhanden Ausrüstung trotzdem jede Menge Spaß!

Das ist nun doch schon wieder ein paar Jährchen her. Die Kanzel ist natürlich immer noch dort wo sie damals schon war, aber in puncto Ausrüstung Bike & Pack hat sich einiges geändert. Die Bikes sind mittlerer Weile ausgereifte Technikboliden, Gewicht und Packmaß der Ausrüstung sind trotz größerer Effizienz erheblich geschrumpft, Packtaschen wurden um Bike integrierte Taschen für reduzierten Gepäcktransport erweitert und machen nun das Radreisen über schmale Pfade durchs Unterholz per Mountainbikes oder breit bereiften Straßenrädern möglich. So steht Bikepacking nun für Radreisen mit reduziertem Gepäck und eine Übernachtung in der Natur heißt jetzt Overnighter.

Rückblickend auf diese  – auch meine – Entwicklung und die ersten Radtouren mit Übernachtung in den Reinsbergen, ging es für mich in Erinnerung an meine damaligen Anfänge dort, quasi zu meinem ersten offiziellen Overnighter wieder auf die Kanzel. 

 

Von Arnstadt in die Reinsberge

Der Einstieg in die Reinsberge beginnt nathlos mit dem Verlassen von Arnstadt am südwestlichen Ortsausgang. Hier geht es mit knackigen Höhenmetern gleich richtig zur Sache. Aber eins nach dem anderen.

In Erfurt startend ging es erst mal ganz entspannt über den Gera-Radweg nach Arnstadt. Hört sich irgendwie langweilig an, aber der naturnahe Verlauf des Radweges immer entlang der Gera mit großteils graveligen Abschnitten und Singletrails läßt oft vergessen, daß man gerade auf einem schnöden Radweg fährt. Aber gut, der Radweg ist quasi nur der schnelle Zubringer und entsprechend fix war ich auch in Arnstadt. Bei diesem Overnighter standen für mich sowieso weniger technische Trails über ausgesetztes Gelände auf der Uhr. Wichtiger war mir das unkomplizierte Erreichen der Kanzel um dort eine gute Zeit zu verbringen. Trails und Höhenmeter warteten mit dem Einstieg in die Reinsberge noch ausreichend auf mich.

 

Singletrail entlang der Reinsberge Richtung Plaue

Jetzt hieß es also erst mal ne kleine Welle auflegen und an den Talhängen über Singletrails auf Höhe zu kommen. Die üppige Vegetation läßt auf diesen Trails leider nur wenige Weitblicke zu. Man kann halt nicht alles haben. Nachdem sich meine Mountainbiker-Sensorik recht schnell wieder eingepegelt hatte, spielte das beim flowigen Kurventanz überhaupt keine Rolle mehr obwohl es stets bergauf ging. 

 

Das Tor des Thüringer Waldes hinter Arnstadt

Eine kurze Atempause mit Blick zurück, denn hier öffnet sich das „Tor des Thüringer Waldes“, so wie Arnstadt auch genannt wird. Also immer Richtung Rennsteig schön bergauf. Schön? Naja. Ist halt so und wo es hoch geht, führt der Weg auch meistens irgendwo wieder runter, gelle.

 

Blick über das Geratal zur Kanzel

Dafür mußte ich aber erst mal zur Kanzel hoch, welche oberhalb des kleinen Ortes Siegelbach hinter einer der linksseitigen Bergkuppen liegt. Bedeutete noch ein paar Kilometer Trails treten um schließlich nach einer tricky Talfahrt den Uphill auf der gegenüberliegenden Seite in Angriff zu nehmen und der hat es in sich. 

 

Beschwerliche Auffahrt von Siegelbach über zerfahrenen Forstweg zum Ziegenried

Hinter Siegelbach ging es dann gleich ordentlich hoch und die werte Forstwirtschaft hat es mir mir ihrem tun nicht gerade erleichtert. Leider zeigt sich dieses Bild zunehmend im ganzen Land und einst wenig beachtete Waldflächen werden in aller Konsequenz profitabel und auf Teufel komm raus bewirtschaftet. Nachhaltigkeit und Renaturierung bleiben dabei oft auf der Strecke. Das hat weniger mit dem beschwerlichen Hochkurbeln über solch zerfahrenen Pisten zu tun, eher damit, daß nicht nur die Wege in dem Zustand bleiben, sondern die Querfeldeinschneißen genauso. Traurig und ärgerlich zugleich!

 

Kurz vor der Kanzel oberhalb von Plaue

Nun gut. Ziemlich platt stand ich endlich auf der höchsten Erhebung am Ziegenried. Die 300hm auf den letzten 4km hatten mir ordentlich den Saft aus den Beinen gezogen. Das Geackere in den schlammigen Profilabdrücken der Holzrücker war verdammt Kräfte zehrend und hat ne Menge Körner gekostet. War halt nicht zu ändern, aber ab jetzt ging es nur noch bergab. Yeaah.

 

Einrollen auf die Kanzel mit Blick auf Plaue

Keine 2km mehr bis zur Kanzel – quasi nur noch die Beine baumeln lassen und zweifix hatte ich mein Zeil mit Blick auf Plaue erreicht. CHECK!

 

Ankunft auf der Kanzel und erst mal die Situation genießen!

Insgesamt war ich doch länger unterwegs wie gedacht und der Sonnenuntergang schon voll im Gange. Den Wolken verhangenen Himmel hätte ich mir für etwas mehr Stimmung gerne etwas blauer gewünscht. Davon abgesehen kam ich auch so nach ein paar tiefen Atemzügen zur Ruhe und die Erinnerungen an meine ersten Übernachtungen hier oben ploppten auf wie Popups. 

 

Tarptent im Sonnenuntergang

Lange konnte ich mich leider nicht in meine Erinnerungen eingraben. Nach dem Sonnenuntergang kommt folglich die Dämmerung und bis dahin sollte das Biwak stehen. Zudem wollte ich noch was leckeres brutzeln und das nicht unbedingt im Dunkeln verdrücken. Also einmal Schnellaufbau und fertig!

 

Reichhaltiges Abendessen in der Dämmerung

Punktlandung! Für ne Bikepackerdusche war gerade noch Zeit, aber danach ging es direkt ans Lukullische und genießen war angesagt.

 

Rostbrätel - das Thüringer Steak als perfekte Beilage zum Kartoffelpüree!

Aus gegebenem Anlass sollte es diesmal was standesgemäßes zu futtern geben. Ein Thüringer Rostbrätel in Senf-Zwiebelmarinade vom ortsansässigen Lieblingsfleischer fand ich durchaus angemessen. Während der Katoffelpüü bei Seite gestellt ehr unauffällig noch etwas durch zog, entfalteten die Röstaromen mit wohligen Duft ein angenehmes Bokeh um das feine Bratgut. Zufrieden mit Blick über das Gera Tal hat es nochmal so gut geschmeckt und draußen ja sowieso. Ein leckerer Pudding hat den Abend wie so oft harmonisch abgerundet. Perfekt! 

 

Overnighter auf der Kanzel oberhalb von Plaue nahe Arnstadt. Unter dem Big Sky International das Mirage im Fokus des großen Wagen. 

In Gedanken schwelgend saß ich noch einige Zeit am Hang, hab die Lichter und das Treiben im Tal beobachtet. Der Himmel klarte unterdessen immer mehr auf, die Wolken verzogen sich und zum Tagesabschluß bekam ich sogar nochmal den Sternenhimmel zu Gesicht. Damit hatte ich nach dem bewölktem Tag gar nicht mehr gerechnet. Aber so konnte ich noch etwas Zeit mit der Kamera verbringen und ein paar Einstellungen ausprobieren. Das kam mir mehr als gelegen, denn solche Locations wünscht man sich doch für ein gutes Foto. Gerade in letzer Zeit erdet mich das Fotografieren sehr und sorgt in mir für eine angenehme Ruhe. Ja, so isses. 

Es war nahezu windstill, die Temperaturen spät sommerlich angenehm und der Sternenhimmel lud zum träumen ein. Besser konnte dieser Tag für mich nicht ausklingen und mit einsetzender Müdigkeit wurde es auch Zeit in den Schlafsack zu springen.  

 

Morgenstimmung ach einer lauen Nacht

So schön der Abend, so unruhig war die Nacht. Das blieb weniger dem gewählten Platz geschuldet, eher meinem viel zu warmen Winterschlafsack. Die Wetterprognosen stellten Nachttemperaturen im unteren einstelligen Bereich in Aussicht, welche meine Sommertüte nicht mehr abdecken kann. Hier bin ich als bekennende Frostbeule lieber mal auf Nummer Sicher gegangen. Frieren ist Kacke! Wettervorhersage hin oder her – es war viel zu warm in dem Teil und mein Sommerschlafsack hätte vollkommen ausgereicht. Macht aber nüscht; die Schlafsackwahl ist in der Übergangszeit sowieso immer ein Glücksspiel und diesmal war eben schwitzen angesagt. Es gibt schlimmeres!

 

Entspanntes Frühstück mit Blick übers Geratal

Ganz im Gegenteil waren das heiße Käffchen mit geröstetem Naan Brot zum Frühstück angenehm willkommene Aufwärmer. Der Talnebel verzog sich langsam, aber die Wolken wollten die Sonne noch nicht so richtig frei geben und entsprechend frisch war es noch. Angenehm war der Morgen alle Male. Mit dem letzten Schluck Kaffee habe ich noch einmal tief durch geatmet und danach in Ruhe alles zusammen gepackt. Overnighter abgeschlossen!

Über einen steilen Downhill und anschließenden Highspeed-Forstwegen ging es zurück ins Gera-Tal und dem Fluß folgend wieder nach Erfurt. That’s it :-  )

 

 

Unterm Strich

Dieser Overnighter war nicht nur eine von vielen Touren in die Reinsberge, mehr noch bin ich auf eine kleine Reise zu den Anfängen meiner ersten Übernachtungen in der Natur gegangen. Die Kanzel ist dabei ganz klar ein Happy Place für mich. Für gewöhnlich bin ich immer länger als eine Nacht unterwegs, aber mit reduziertem Geraffel ist man fix auch mal spontan auf Kurztour um den Kopf mit der nötigen Portion Natur frei zu blasen. Vielleicht sollte ich sowas öfters mal machen…

 

Von | 2017-11-18T09:02:42+00:00 1 Oktober 2017|6 Kommentare

6 Kommentare

  1. Jan 3. Oktober 2017 um 22:09 Uhr - Antworten

    Schöner Bericht und Fotos.
    Woche Kamera nutzt du denn?
    Grüße
    Jan

    • Matthias 4. Oktober 2017 um 8:31 Uhr - Antworten

      Danke Jan. Die Fotos habe ich mit einer Sony DSC-RX100 III gemacht.

      Beste Grüße,
      Matthias

  2. DerMArio 2. Oktober 2017 um 21:07 Uhr - Antworten

    Eine schöne Geschichte! Klingt inspirierend.
    Und eine tolle Nachtaufnahme ist dir da gelungen 🙂

    Viele Grüße aus Nordhessen
    Mario

    • Matthias 2. Oktober 2017 um 21:44 Uhr - Antworten

      Ahoj Mario,

      das dich die kleine Reise in meine Vergangenheit motiviert hat finde ich natürlich klasse. Spontan mal raus zu fahren ist manchmal etwas tiefsinniger, als einfach nur draußen zu sein. In der Tat hatten sich die Bedingungen für ein paar schöne Aufnahmen am Abend verbessert und ich konnte etwas mit der Kamera spielen. Danke fürs Lob!

      Beste Grüße nach Nordhessen,
      Matthias

  3. Frank Esser 2. Oktober 2017 um 8:12 Uhr - Antworten

    Toller Bericht und klasse geschrieben! Danke fürs mitnehmen..
    lg Frank

    • Matthias 2. Oktober 2017 um 10:11 Uhr - Antworten

      Ahoj Frank,

      danke dir und schön das du dich mitnehmen lassen hast!

      Beste Grüße,
      Matthias

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