Ghost Spezial Edition – mein urbaner MTB Stahl Cruiser in Reminiszenz an die Neunziger

Mit dem heutigen Tag ist es genau zwanzig Jahre her, als ich mein erstes Mountainbike gekauft habe. Zwei Tage zuvor hatte ich meinen damals geliebten MB 123T verkauft und das Geld in die Fortbewegung aus eigener Kraft investiert. Gut 25kg mehr auf den Rippen brachten mich zu dieser Entscheidung und so fiel es mir dann der Umstieg auf ein MTB doch recht leicht. In der Radscheune fiel meine Wahl auf ein Trek 7000 mit geklebten Alurahmen. Damals eine absolute Innovation mit unglaublicher Rahmensteifigkeit und wunderbar cleaner Optik ohne fette Schweißraupen. Darauf folgte noch ein Trek 8000, aber recht schnell fand ich Gefallen an den filigraneren Geröhr von Stahlrahmen. Mein erstes CrMo-MTB hat mich recht schnell von dem besonderen Fahrgefühl eines Stahlrahmens und der komfortablen „Eigendymamik“ diese Rahmenmateriales überzeugt. So entstand damals schon meine Vorliebe für Stahlrahmen, zumindest bei Hardtails. Diverse Stahlkollegen sind seit dem durch meine Hände gegangen und haben unter meinem Hintern ordentlich was leisten müssen. Ja und die Jahre sind vergangen…




Die Gelegenheit

Ende 2015 bin ich zufällig im IBC Bikemarkt über einen Stahlrahmen gestolpert, wie ich ihn damals gerne gefahren hätte – ein Ghost Spezial Edition. Meine Vorliebe für 26 Zoll Bikes war und ist nach wie vor beständig. Da ich noch einige Teile aus den Neunzigern von meinen verschiedenen Bikes im Keller gebunkert hatte, mußte ich nicht lange überlegen und hab für relativ wenig Geld zugeschlagen. Die restlichen Teile mußten noch besorgt werden, aber mit Geduld und Spucke sollte der Custom Aufbau möglich sein. Der Plan stand also!

 

 

Der Plan

 Meine eigene Vorgabe lautete diesmal: Sämtliche Teile sollten gebraucht und aus den Neunzigern sein, einen used Lock haben, aber nicht abgerockt und natürlich noch voll funktionsfähig sein. Klar. Das Bike sollte ein wenig aus dem Leben erzählen können und mich beim aufsteigen immer wieder ein wenig daran erinnern, wie ich zu der Leidenschaft meines Lebens gekommen bin 😎 
 
Bei den Verschleißteilen wie u.a. dem Antrieb wollte ich allerdings keine Kompromisse eingehen und habe der optimalen Funktion dienlich Neuteile vorgesehen. Bis zum 4 Mai 2016 war ja noch etwas Zeit. Somit stand mein Projekt und das Geschenk an mich selbst für zwanzig Jahre Zweiradleben:
Ein Ghost Spezial Urban MTB Cruiser zum zwanzigjährigem Bikejubiläum.

 

  

Der Rahmen

Ein klassischer MTB-Rahmen aus CrMo Stahl in schönem Dunkelgrün mit weißen Applikationen. Unauffällig verschweißt mit gemäßigter Geometrie in Größe L (52cm) paßt mir der Rahmen perfekt. Geburtsjahr irgendwann zwischen Mitte und Ende der Neunziger.

Die Farbe kommt einem klassischem British Racing Green wohl sehr nahe. Für die bunten Neunziger schon fast bieder, aber mir gefällt das Understatement ausgesprochen gut.

Ein formschöner und steifer Doppel-S-Bend Hinterbau nimmt das Hinterrad auf und sorgt über die Cantisockel für einen festen Druckpunkt der V-Brakes.

Die diagonal flächig angeschweißten Ausfallenden stechen mit ihrer gefälligen Optik aus dem Einheitsbrei ansehnlich hervor.

Die auf dem Oberrohr verlegten Anschläge für Brems -und Schaltzüge waren damals in Mode und quasi bei den meißten MTBs in dieser Position zu finden. Sicher nicht ohne Grund; Beim schultern in Tragepassagen drücken so die Bowdenzüge z.B. nicht.

 

 

Die Federgabel 

 

Die Marzocci Bomber Z2 hatte ein Kumpel noch im Keller gefunden und mir für den Aufbau überlassen. Von diesen Gabeln hatte ich in den letzten zwei Jahrzehnten nicht nur eine verschlissen und somit kein brauchbares Teil mehr auf Lager. Damals war die Gabel mit ihren 80 mm Federweg eine klassische Tourengabel. Nicht sonderlich steif, was wohl der verschraubten Gabelbrücke und dem Booster zu Lasten gelegt werden muß. Dafür war die Gabel für die damaligen Verhältnisse ziemlich sensibel. Das gute Ansprechverhalten ist der Federung über die beidseitigen Stahlfedern im offenen Ölbad zuzuordnen. Das Ansprechverhalten war und ist immer noch gut. Die Öldämpfung hingegen war in ruppigerem Gelände und schnell aufeinander folgenden Schlägen meistens überfordert. Das spielt nun eine untergeordnete Rolle und die Gabel paßt perfekt an das Ghost Spezial Edition.

 

Laufräder & Bereifung 

Der Bontrager Mustang Ceramic Asym Laufradsatz war noch von meinem Trek 8000 übrig und lag seit dem viele Jahre unbenutzt im Keller. Ende der Neunziger barg dieser Laufradsatz einige Innovationen dieser Zeit im Laufradbau. Die Ceramik-Beschichtung auf den Felgenflanken sollten eine höhere Bremsleistung zur Verfügung stellen. Diese kann ich absolut bestätigen, wobei sich der Verschleiß der Bremsgummis gleicher Maßen erhöhte. Das fällt für mich nicht weiter ins Gewicht und der guten Bremsleistung zu Gunsten kann ich damit sehr gut leben. Am Hinterrad sollen asymmetrisch eingespeichte Naben mit Speichenversatz auf der Felge mehr Steifigkeit bringen. Davon habe ich nicht sonderlich viel gemerkt. Naja. Die Speichen sind wiederum mit ihrer durchgängigen 2mm Stärke ehr Standard.

Bei den verbauten Naben handelt es sich um die Klassiker aus der Shimano LX-Gruppe. Die Paralax Bauweise ließen die Naben fast geräuschlos arbeiten. Da der Laufradsatz für denn CC-Einsatz konzipiert war, spielte das wohl ehr eine untergeordnete Rolle. Beim jetzigen cruisen finde ich die „Stille“ im Hinterrad sehr angenehm.

Leider hat in dieser Baureihe mit den erstmals lackierten Naben auch die Lager -und Konenqualität deutlich nachgelassen. Leider. Daher hab ich sämtliche Kugeln und Konen durch Neuteile ersetzt. Zum Glück sind solche Ersatzteile immer noch als Neuware erhältlich.

Verspannt werden die Naben im Rahmen von simplen Shimano-Schnellspannern ohne Gruppenzuordnung. Absolut verläßliche Teile mit hohen Klemm -aber niedrigen Bedienungskräften. So soll es sein.

Bei den Reifen stand das Cruisen im Vordergrund. Damals gab es ihn noch nicht, aber nun garantiert der Schwalbe Big Apple in 2.35er Breite ein wunderbar komfortables rollen und das nicht nur im asphaltierten City Bereich.

 
 

Cockpit & Sitzbereich 

Wie auch die Laufräder hatte ich noch einen Azonic DH Lenker und einen Roox Danys Stem Vorbau im Keller liegen. DH-Lenker waren damals auf MTB’s total angesagt (Heute auch noch?), hatten aber auch eine angenehme  Ergonomie durch die leichte Kröpfung nach hinten. Geklemmt wurde der Lenker über die damalig üblichen 25,4mm und mit 620mm Breite hatte ich immer ne gute Kontrolle on Trail.

Der Vorbau trägt immer im großen Maße zur optimalen Sitzposition bei. Da ich noch nie gerne gestreckt saß, kam mir der damals vergleichsweise kurze 90mm Roox Dannys Stem mit 25° Winkel sehr entgegen.

Die Frontklappe wurde einfach mit zwei Inbusschrauben angezogen. Fertig. Klappen mit vier Schrauben waren damals erst langsam im kommen. Der Vorbau hatte bei mir viele Jahre an diversen Bikes seinen Dienst verrichtet und war zum Schluß ganz schön abgerockt. Daher habe ich im einfach eine mattschwarze Pulverbeschichtung spendiert, als ich mein Salsa Vaya Custombike pulvern lies. Ein Aufwasch und nun darf der Vorbau recht unauffällig aber stolz den Azonic Lenker halten.

Der Steuersatz ist ein No Name 1 1/8 Aheadset von irgend einem meiner Räder aus der Zeit. Ohne Herstellerangabe, einfach gedichtet, aber stabil und offensichtlich trotzdem langlebig. In dezentem Schwarz fügt sich der Steuersatz gereinigt und gefettet gut in das Ghost Cockpit ein. 

Die Griffe zähle ich mal zu den Verschleißteilen und sie kamen neu. Für mich waren die kultigen YETI Speed Griffe unumgänglich. Davon habe ich nicht mehr nachvollziehbar viele Paare verschlissen.

Sie haben sich trotz Aufschieben mit Haarspray immer wieder verdreht und das Gummi wurde sehr schnell klebrig. Trotzdem waren die Griffe mit dem breit grinsendem Yeti ein absolutes MUß aus dieser Zeit 😎 

Tja und beim Griff in meine Retro-Kiste fiel mir auch einen SQlab 612 Sattel in die Hände. Einer der ersten Sättel dieser Firma mit spezieller Popo-Geometrie und zusätzlichen Elastomer Dämpfungselementen im Heck. Trotz ehr schmaler Bauform sitze ich recht angenehm auf dem Ergoteil.

Die zusätzliche Dämpfung unterstützt dem Komfort noch ein wenig. Schon gut eingefahren, aber noch gut in Schuß. Paßt schon. Da die ursprüngliche Geschichte der Firma sich durch die Neunziger zieht, ordne ich den Sattel einfach mal mit in dieses Jahrzehnt ein.

 

Die Sattelstütze in paßendem Schwarz von BBB hab ich in den Untiefen meines ortsansässigen Radshop Lutzke gefunden. Der benötigte Durchmesser von 29,6mm ist doch ehr unüblich, was wohl der Grund war, warum die Stütze seit den Neunzigern ihre Zeit in der dunklen Schublade verbringen mußte – gut für mich :mrgreen: 

 

 

Antrieb & Bremsen 

Nach der Shimano LX-Kurbel in 175mm Länge wie ich sie damals auch fuhr, habe ich lange suchen müßen. Nach einiger Zeit und viel Beharrlichkeit wurde ich dann doch in der Bucht fündig. Das Fünfarmdesign und die Formgebung mit dem poliertem Alu machen diese Kurbel absolut zeitlos. Schlicht und schön!

Die Dreifachkettenblätter und der Umwerfer wichen einem 34er Blatt von Gebhardt. Für den urbanen Bereich benötige ich keine extremen Übersetzungen und die mittlere Kettenblattgröße reicht völlig zum entspannten cruisen. Das schwarz-silberne Finish paßt zudem als Kontrast prima zur Kurbel und den anderen Parts am Ghost. Die Kombi dreht sich selbstredend auf einem neuen LX-Vierkantinnenlager und wurde mit der originalen Kurbelschraube aus Stahl verschraubt. Klaro.

Seit eh her sind die 324er Shimano Pedale der Klassiker im Trekking -und Tourenradbereich. Von diesen Kombipedalen habe ich schon diverse Paare verschlissen, aber ein gut „getretenes“ Paar hatte ich noch in der Teilekiste liegen. Die Nutzung einerseits mit Klickies garantieren einen festen Halt auf den Pedalen und unterstützen den runden Tritt.

Auf der anderen Seite kann man auch mal mit normalen Straßenschuhen einen Weg erledigen oder mit Badelatschen auf dem Campingplatz ne entspannte Runde drehen. Praktische Teile.

DAS Shimano XT-Schaltwerk aus den Neunzigern war quasi ein Muß. Zeitlos schön in schwarz-Alu polierter Optik, welches ich auch noch liegen hatte. Einzig die Schaltröllchen waren verschlissen und wurden durch neue ersetzt. Schaltzüge -und Hüllen kamen ebenfalls neu von Jagwire. Auf die Hüllen & Züge schwöre ich von Anfang an, also auch ein Überbleibsel aus meiner Beginnerzeit auf dem Bike.

Die 8-fach Shimano LX-Kassette kam natürlich als Verschleißteil auch neu. Damals noch nicht in der Abstufung mit großem 32er Ritzel erhältlich, aber den Komfort in puncto entspanntes treten nehme ich doch gerne mit. Die paßende Shimano LX-Kette komplettiert den Antrieb.

Geschaltet wird mit einem 8-fach Shimano LX-Rapidfire Schalthebel, den ich natürlich auch noch vorrätig hatte.

Eine deutliche Rückmeldung über das definierte „Klack“ fand ich schon immer sehr angenehm. Die optimal platzierte Ganganzeige gab es als nettes Gimmick dazu. Stylisch im Stil der Neunziger.

Die Shimano LX V-Brakes haben für damalige Verhältnisse ordentlich zugepackt. Auf die simple aber effiziente Technik war stets Verlaß. Ein äußerst gepflegtes Paar habe ich ebenfalls nach langem stöbern in der Bucht ergattern können.

Gerade in Verbindung mit den Ceramic-Felgen war diese Kombi den damals ersten Scheibenbremsen auf dem Markt bei weitem überlegen. Bei Feuchtigkeit mußte man allerdings mit gewissen Fading leben und die Bremswirkung kam erst nach ein paar Metern Trockenbremsen der Felgenflanken zurück. Daran hat leider auch die Ceramic-Beschichtung nichts geändert. Gewohnheitssache.

Schön und funktionell fand ich die Avid AD-1.0L Bremshebel schon immer. Im Vergleich zu Shimano-Hebeln liegen die Teile nach meinem Empfinden wesentlich angenehmer in der Hand und waren damals schon meine absoluten Favoriten. Wahre Fingerschmeichler. Das neutrale schwarz-silber paßt wieder perfekt zum Rest des Bikes. Hier bin ich auch erneut in der Bucht fündig geworden.

 

 

Unterm Strich

Das Projekt Ghost MTB Cruiser ist ehr zufällig entstanden. Mit dem Rahmen war der Custom-Aufbau in Reminiszenz an mein Einstieg in die Fahrradwelt vor zwanzig Jahren geboren. Der Rest ergab sich über die Anlehnung der Parts aus den Neunzigern von selbst. Der Markt gibt noch einiges an gut erhaltenen Teilen her. Manchmal ist es doch ganz gut, nicht alle alten Teile unbedacht zu entsorgen. Mich erinnert der Ghost MTB Cruiser jedes mal beim Gang in den Keller und noch mehr beim entspannten rollen durch die City daran, wie für mich in den Neunzigern auch irgendwie rund ums Biken ein besseres Leben begann 🙂 

Vorher vs. nachher!

Von | 2017-11-12T15:26:31+00:00 4 Mai 2016|0 Kommentare

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